Rückblick (08.01.19): Petra Flieger und Volker Schönwiese zum Thema Behinderung, Diskriminierung und Inklusion

“Inklusion heißt, ich kann mir meinen Platz aussuchen,” sagt Volker Schönwiese, mittlerweile pensionierter Professor der Universität Innsbruck. Dass wir davon z.B. in Räumen der Universität Tübingen noch weit entfernt sind, hat die besondere Vortragssituation am 08.01.2019 in unserer Studium Generale Reihe deutlich gemacht. Gerade mal einen Rolli-Platz für Zuhörende bietet der Hörsaal 21 im Kupferbau. Für Dozierende mit Rollstuhl gibt es bisher keinen Zugang. Dass Inklusion einen Bewusstseinsprozess bedeutet, haben Volker Schönwiese und Petra Flieger auf diese Weise nicht nur durch ihren praxisnahen Vortrag gezeigt. Um die Vortragenden überhaupt sehen zu können, mussten die Anwesenden eine relativ unbequeme Sitzposition einnehmen. Überdies konnte der Vortrag aus dieser Position leider nicht durch eine visuelle Präsentation gestützt werden. Diese (mit zahlreichen Beispielen ausgestatte) stellen wir hier (klick) zur Verfügung.

Diskriminierung, stellt im Alltag eine “Verhandlungssache” dar, in welcher von ihr Betroffene häufig auf Widerstände stoßen. Wird die Diskriminierung zum Thema gemacht, so resultieren daraus nicht selten Konfrontationen und Spannnungen, welche die diskriminierte Person in eine Rechtfertigungssituation bringt. Barrierefreiheit, so Schönwiese, bedeutet, dass Handlungen grundsätzlich ohne Hilfe durchzuführen sind – und nicht, dass der Verkäufer des Buchladens drei Exemplare zur Wahl auf die Straße trägt, oder dass Passanten dabei helfen, die Stufe zum Geschäft zu überwinden.

Barrieren, auch das betonen Flieger und Schönwiese, haben viele Gestalten. Sie können räumlich, kommunikativ sozial oder ökonomisch sein. Dass dadurch soziale Strukturen erzeugt und reproduziert werden, unterstrich das zum Abschluss der Vorlesung vorgetragene Zitat von Bourdieu: „Ganz allgemein spielen die heimlichen Gebote und stillen Ordnungsrufe der Strukturen des angeeigneten Raums die Rolle eines Vermittlers, durch den sich die sozialen Strukturen sukzessiv in Denkstrukturen und Prädispositionen verwandeln. Genauer gesagt, vollzieht sich die unmerkliche Einverleibung der Strukturen der Gesellschaftsordnung zweifellos zu einem guten Teil vermittelt durch andauernde und unzählige Male wiederholte Erfahrungen räumlicher Distanzen, in denen sich soziale Erfahrungen behaupten, aber auch –konkreter gesprochen –vermittels der Bewegungen und Ortswechsel des Körpers zu räumlichen Strukturen konvertieren und solcherart naturalisierte soziale Strukturen gesellschaftlich organisieren und qualifizieren….“ (Ortseffekte. In: Bourdieu, Pierre (Hrsg.). Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidensan der Gesellschaft. Konstanz: UVK Universitätsverlag 1998 (2. Auflage), Seite 159-167, Seite 162)

Auch das Schwäbische Tagblatt berichtete über die Vorlesung. Der Artikel findet sich unter folgende Link, jedoch leider hinter der Bezahlbarriere:

https://www.tagblatt.de/Nac…/Vortrag-von-hinten-400178.html…

Am Folgetag boten Volger Schönwiese und Petra Flieger zudem einen Empowerment-Workshop an. So richtig Lust auf Aktion hat uns die dort gezeigte Rede von Theresia Degener anlässlich der ersten Disability and Mad Pride Parade in Berlin (2013) gemacht, welche hier (klick!) angesehen werden kann. (Um die Untertitelung anzuschalten, bitte rechts unten im Videobild auf das Symbol klicken.)